Transatlantische Perspektiven (I)

Wirtschaftspartner Nr. 1

Wirtschaftlich betrachtet ist eine enge Kooperation mit den Vereinigten Staaten aus der Perspektive der deutschen Eliten alternativlos. Die USA sind - mit wachsendem Abstand auf Frankreich - der größte Abnehmer deutscher Warenexporte; im vergangenen Jahr verkauften deutsche Unternehmen Produkte im Wert von mehr als 113 Milliarden Euro an sie - 8,6 Prozent der deutschen Gesamtausfuhr. Weil die Bundesrepublik unverändert eine viel geringere Menge an Waren aus den Vereinigten Staaten einführt, erzielte sie 2018 aus dem US-Handel einen Überschuss von fast 49 Milliarden Euro - auch dies mehr als im Handel mit jedem anderen Land. Vor allem aber sind die USA der bedeutendste Standort deutscher Auslandsinvestitionen - mit einem Vorsprung, der auf absehbare Zeit uneinholbar erscheint: Laut Angaben der Deutschen Bundesbank erreichte der Gesamtbestand der unmittelbaren und mittelbaren deutschen Investitionen in den USA im Jahr 2017 mehr als 335 Milliarden US-Dollar - gut 28 Prozent aller deutschen Auslandsinvestitionen weltweit. Zweitgrößter Standort deutscher Auslandsinvestitionen war 2017 Großbritannien mit rund 145 Milliarden Euro, dies allerdings zuletzt bei Brexit-bedingt fallender Tendenz. Nummer drei war - bei unverändert raschem Anstieg - die Volksrepublik China (Stand 2017: 81 Milliarden Euro).[1]

Größer als der Heimatmarkt

Die gewaltigen deutschen Investitionen in den Vereinigten Staaten tragen dazu bei, dass das Land für die global operierenden deutschen Konzerne nicht nur zum größten Exportmarkt aufgestiegen, sondern auch ihr wichtigster Markt überhaupt geworden ist. So erzielen die Dax-Konzerne, die oft mit ihren Werken in den USA den US-Markt direkt beliefern, durchschnittlich 22 Prozent ihres Gesamtumsatzes in den Vereinigten Staaten; in Deutschland erwirtschaften sie lediglich 21 Prozent ihres Gesamtumsatzes. Bei der Deutschen Telekom etwa steht einem US-Umsatzanteil von 48 Prozent ein Umsatzanteil in Deutschland von lediglich 29 Prozent gegenüber; der Bonner Konzern verdankt dies seinem Tochterunternehmen T-Mobile USA, dem drittgrößten Mobilfunkanbieter der Vereinigten Staaten, der dort zuletzt mehr als 36,3 Milliarden Euro umsetzte - bei einem Konzern-Gesamtumsatz von 75,7 Milliarden Euro. Bei SAP liegen die Umsatzanteile in den Vereinigten Staaten und in der Bundesrepublik bei 32 respektive 15 Prozent; Continental kommt auf 25 (USA) bzw. 20 Prozent (BRD), Bayer auf 24 respektive 10 Prozent, Linde auf 23 bzw. 7 Prozent.[2]

Milliardeninvestitionen

Gleichzeitig weiten die deutschen Konzerne ihre US-Inventionen immer weiter aus. Ursache ist zum einen das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum in den Vereinigten Staaten, das die Vergleichswerte in Deutschland deutlich übertrifft und lukrative Geschäfte verheißt. Zum anderen profitieren auch deutsche Firmen von der Steuerreform der Trump-Administration, die unter anderem eine massive Senkung der Körperschaftssteuer von 35 auf 21 Prozent beinhaltete. Dies brachte etwa Daimler und BMW Einsparungen im Wert von jeweils rund einer Milliarde Euro ein. Angesichts der lukrativen Geschäftsbedingungen will die Deutsche Telekom 5,7 Milliarden US-Dollar in T-Mobile USA investieren; RWE will einige Milliarden US-Dollar in den Ausbau seines US-Geschäfts mit erneuerbaren Energien stecken. Der im Jahr 2015 von Bayer abgespaltene Spezialchemiekonzern Covestro wird mit dem Bau einer gut 1,5 Milliarden Euro teuren Fabrik im US-Bundesstaat Texas seine bislang größte Firmeninvestition überhaupt tätigen. Hinzu kommen nicht zuletzt milliardenschwere Investitionen der deutschen Kfz-Industrie.[3]

Deutschlands High-Tech-Abhängigkeit

Schwer wiegt bei alledem, dass deutsche Unternehmen auf dem Feld der modernsten Technologien stark in Abhängigkeit nicht zuletzt von den Vereinigten Staaten geraten. Vor zwei Wochen bereiste Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier die USA - auch mit dem Ziel, Kontakte zu US-High-Tech-Unternehmen zu festigen. "Einholen" werde die Bundesrepublik "das Silicon Valley wohl nicht mehr", urteilten anschließend Korrespondenten; es könne nun "nur noch darum" gehen, "den Anschluss nicht ganz zu verlieren, die Zusammenarbeit mit den Digitalkonzernen zu suchen".[4] Dies gilt insbesondere für Zukunftsbereiche wie Künstliche Intelligenz (KI) und autonomes Fahren. In Bezug auf Letzteres hat der Volkswagen-Konzern jetzt die Zusammenarbeit mit seinem Konkurrenten Ford gesucht. So wird das deutsche Unternehmen 2,6 Milliarden US-Dollar in die Ford-Tochterfirma Argo AI investieren, mit deren Hilfe es Fortschritte in autonomem Fahren und insbesondere bei seinen geplanten Robotaxis machen will.[5] Eine eigenständige Entwicklung gilt wegen der gigantischen Kosten und der Rückständigkeit deutscher AI-Firmen als aussichtslos.

Milliardenschäden durch die Wirtschaftskriege

Ungeachtet der immensen Bedeutung des US-Geschäfts für die deutsche Industrie steht deren Beziehungen in die Vereinigten Staaten eine Phase erheblicher Belastungen bevor. Ursache sind die Wirtschaftskriege, die die Trump-Administration gestartet hat und noch stärker auszuweiten droht - mit dem Ziel, ihre globale politische und ökonomische Vormachtstellung zu verteidigen. Die von Washington angedrohten Strafzölle auf Kfz-Importe aus der EU brächten allein BMW laut Aussage von Experten jährliche Gewinneinbußen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro; Daimler verlöre zwei, Volkswagen sogar 2,5 Milliarden Euro.[6] Hinzu kommt, dass die extraterritorialen Sanktionen, mit denen die Vereinigten Staaten eine rasch wachsende Zahl von Ländern belegen, immer stärker zu Lasten deutscher Unternehmen gehen. Dies gilt nicht nur für die Iran-Sanktionen, die deutsche Konzerne um lukrative Aufträge brachten. Auch durch die extraterritorialen Russland-Sanktionen, die Washington seit 2017 verhängt hat, hat die deutsche Wirtschaft mittlerweile mehrere Milliarden Euro eingebüßt (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Werden die Sanktionen gegen den russischen Autokonzern GAZ nicht eingestellt, dann müssen Daimler und Volkswagen, die bei dem Konzern Fahrzeuge produzieren ließen, Investitionen von insgesamt einer halben Milliarde Euro abschreiben. Weitere Sanktionspläne, die Washington in Arbeit hat, bedrohen erhebliche Teile des deutschen Russlandgeschäfts, das gegenwärtig Exporte im Wert von 26 Milliarden Euro und Investitionen in einer Gesamthöhe von über 20 Milliarden Euro umfasst.

Eine verhängnisvolle Perspektive

Sollte die Trump-Administration im Machtkampf gegen Beijing dazu übergehen, extraterritoriale Sanktionen auch gegen Unternehmen aus China zu verhängen, dann geriete die deutsche Industrie in eine fatale Situation. Die Volksrepublik ist ihr drittwichtigster Absatzmarkt (93 Milliarden Euro) und ihr drittgrößter Investitionsstandort; in dem Land erzielen die deutschen Dax-Konzerne einen Anteil von bereits 16 Prozent ihres Gesamtumsatzes, wobei China für einzelne Dax-Unternehmen wie Volkswagen, Daimler und BMW, aber auch Infineon und die Bayer-Abspaltung Covestro mittlerweile der bedeutendste Auslandsmarkt überhaupt ist - mit teils deutlichem Abstand vor den USA.[8] Darüber hinaus kooperieren deutsche Konzerne auf dem Feld modernster Technologien keineswegs nur mit US-Unternehmen, sondern ebenfalls in großem Umfang mit chinesischen Konzernen (german-foreign-policy.com berichtete [9]). Von der Trump-Administration mit Hilfe etwaiger extraterritorialer Sanktionen erzwungene Rückzüge aus dem Chinageschäft hätten für bedeutende Teile der deutschen Industrie vernichtende Folgen - und nähmen ihnen darüber hinaus jegliche signifikante Expansionsperspektive jenseits des US-dominierten Westens, stürzten sie also in eine umfassende Abhängigkeit von Washington. Diese verhängnisvolle Perspektive treibt die deutsche Wirtschaft in ein komplexes Doppelverhältnis von profitabler Kooperation mit den USA bei gleichzeitig erstarkendem Widerstand gegen die Wirtschaftskriege der Trump-Administration.

Widersprüchliche Lage

Die widersprüchliche Lage spiegelt sich in der außenpolitischen Strategiebildung in Berlin wider. german-foreign-policy.com berichtet in Kürze.

 

[1] Vgl. die einschlägigen Statistiken des Statistischen Bundesamts (für den Handel) sowie der Deutschen Bundesbank (für die Investitionen).

[2] Ulf Sommer: Die USA sind ein Risikomarkt - nicht nur für deutsche Autohersteller. handelsblatt.com 25.02.2019.

[3] Ulf Sommer: Deutschlands US-Offensive: Dax-Konzerne fahren Investitionen in Nordamerika hoch. handelsblatt.com 14.05.2019.

[4] Lektion in Silicon-Valley-Selbstbewusstsein. Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.07.2019.

[5] VW und Ford prüfen schon die nächsten Schritte. Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.07.2019.

[6] Ulf Sommer: Die USA sind ein Risikomarkt - nicht nur für deutsche Autohersteller. handelsblatt.com 25.02.2019.

[7] S. dazu Die Ära der Sanktionskriege (I).

[8] Ulf Sommer: Die USA sind ein Risikomarkt - nicht nur für deutsche Autohersteller. handelsblatt.com 25.02.2019.

[9] S. dazu Die Schlacht um Huawei (II) und Deutschland im Wirtschaftskrieg (II).

Der Faschist

 

Man kann Trumps Rede als eine fortwährende Litanei über die sozialen Ängste der weißen Unter- und Mittelschichten lesen, denen er Arbeit verspricht ("Jobs, jobs, jobs"), jenen Millionen, die 2008 und in den Folgejahren überschuldete Häuser oder Wohnungen verloren, ihre Existenzen, ohne bis heute kompensiert zu sein. Trump ermutigt die Klassen, deren Stolz längst verkauft ist, mit der billigen Rede von der Würde der Arbeit ("We believe in the dignity of work") - und er warnt sie zugleich: "America will never ever be a socialist country". Der Appell an den Stolz und die Warnung vor Aufstand verschieben das Handeln seines Großpublikums auf Aggression gegen Fremdes, auf Zerstörung und Tod.

 

Die Rede ist ein selten eindeutiges Dokument, an dem die Metamorphosen einer schwankenden Herrschaft studiert werden können: der Wechsel von Sozialversprechen für die Unter- und Mittelschichten zu Vertreibungs- und Vernichtungsfantasien, die das Publikum mit Sprechchören quittiert: "Send them back". Der Zustand, in dem die US-Herrschaft schwankt und Faschisten hervorbringt (den präsidialen Faschisten und die, die er weckt), markiert mehr als den Zustand der Trump-Präsidentschaft: den Zustand der westlichen Wirtschaftsgemeinschaft im Hallraum ihrer schweren Krise.

 

"Send them back" ist daher nicht zufällig dieselbe Phrase, mit der die EU dem Groll und den Ängsten jener Schichten nachgibt, die auch in Europa ihren Abstieg befürchten (oder ihn schon hinter sich haben) und mit Wohlstandsversprechen nicht mehr getröstet werden wollen. Man muss die Chöre von Greenville nur ins Ungarische, Italienische, Niederländische oder Deutsche übersetzen, um den Reflex der schweren Krise, den archaischen Rassismus, als den gemeinsamen Gärstoff einer zerfallenden Ordnung zu begreifen - egal ob in den USA oder in der EU.

 

Beide Imperien sind aneinander gekettet. Zerstörung und Tod, Faschismus und Krieg sind ihnen eigen.

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