Bayer vor Gericht

11.200 Klagen

Der deutsche Chemiekonzern Bayer gerät in den Vereinigten Staaten zunehmend unter Druck. In einem vielbeachteten Rechtsstreit, der als Musterfall wegweisend ist für weitere Massenklagen gegen den Konzern, soll die Verantwortung der US-Tochterfirma Monsanto für Tausende von Krebserkrankungen in den USA ermittelt werden.[1] In dem Prozess vor einem Bundesgericht in Kalifornien geht es konkret darum, ob das Pflanzenschutzmittel Glyphosat, das Monsanto in den USA vertreibt, die unheilbare Erkrankung des Klägers verursacht hat. Das umstrittene Herbizid Roundup soll demnach für die Erkrankung des Mannes an Lymphdrüsenkrebs verantwortlich sein. Monsanto ist zudem anklagt, die Gefahren des Produkts bewusst vertuscht zu haben. Insgesamt sieht sich Bayer in den Vereinigten Staaten inzwischen mit rund 11.200 ähnlichen Klagen konfrontiert - fast 2.000 mehr als zuletzt bekannt. Das aktuelle Verfahren wird in zwei Phasen ablaufen. Zunächst soll geklärt werden, ob Glyphosat krebserregend ist. Sollte diese Einschätzung, die etwa Studien der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) stützen, vor Gericht Bestand haben, wird es in einer zweiten Prozessphase darum gehen, ob Monsanto seine Kunden über die Risiken von Roundup getäuscht hat. Die Zweiteilung des Verfahrens gilt als ein Erfolg für Bayer: Der Konzern gewinnt dadurch Zeit.

"Glyphosat getrunken"

Gegenüber deutschen Wirtschaftsmedien gibt sich Bayer-Konzernchef Werner Baumann unnachgiebig und kämpferisch. Sein Unternehmen werde durch alle Instanzen gehen, möglicherweise bis zum obersten Gericht; man wolle nichts von außergerichtlichen Vergleichen wissen, erklärt der Manager: "Das Zeug ist nicht gefährlich."[2] Sollten die Verteidigungskosten allerdings höher ausfallen als etwaige Vergleichszahlungen, dann werde man "natürlich dementsprechende Überlegungen anstellen". Die Gefahr bei außergerichtlichen Einigungen, die ohne Schuldeingeständnis getroffen werden, bestehe freilich darin, dass sich "noch mehr Menschen und Anwälte ermutigt fühlen, zu klagen", heißt es in einem Bericht, der Stimmen zu Wort kommen lässt, die sich begeistert über das Bayer-Herbizid äußern. So lobt etwa ein Saatguthändler, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Monsanto-Vertreter vor zwanzig Jahren "Glyphosat getrunken" hätten, um die Ungefährlichkeit des Produkts zu belegen. Ein als "glühender Verfechter von Glyphosat" bezeichneter Farmer erklärte, er werde "Roundup benutzen, solange es auf dem Markt" sei: Er habe "überhaupt keine Sorge über die Sicherheit von Roundup". Dem Gedanken, rasche Innovationen in die Wege zu leiten, um das umstrittene, in Studien als "wahrscheinlich krebserregend" bezeichnete Herbizid abzulösen, erteilte Baumann eine klare Absage: "Roundup ist das beste Herbizid weltweit". Selbstverständlich forsche man an neuen Pflanzenschutzmitteln, aber nicht, um "Glyphosat zu ersetzen".

Erste schwere Niederlage

Die juristisch harte Haltung der Konzernführung dürfte durch eine erste schwere Niederlage vor einem US-Gericht im August 2018 motiviert sein.[3] Monsanto wurde damals in erster Instanz dazu verurteilt, dem an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Kläger 289 Millionen US-Dollar zu zahlen. Die Strafsumme wurde zwar nach einer Beschwerde von Bayer auf 79 Millionen gesenkt, doch der Schuldspruch blieb bestehen. Angesichts der astronomischen Kosten, die im Erfolgsfalle durch die massive Klagewelle verursacht würden, ist Bayer förmlich gezwungen, auf Zeit zu spielen und den Weg durch alle Instanzen zu gehen. Die Beweise, die man vorgelegt habe, seien, "ehrlich gesagt, überwältigend", erklärte ein Anwalt des Klägers. Weitere Urteile gegen die Bayer-Tochterfirma Monsanto seien sehr wahrscheinlich. Man habe aufgrund knapper Zeit im ersten Prozess nur einen Bruchteil des belastenden Materials verwenden können; das Anwaltsteam verfüge über "noch viel mehr". Trotz der düsteren Prozessaussichten verteidigte Bayer-Chef Baumann abermals die kostspielige Übernahme von Monsanto durch seinen Konzern. Für die seitdem vergangene Zeit müsse man lediglich konstatieren, "dass es ein einziges Urteil gibt, das nicht sachgerecht ist. Sonst hat sich nichts geändert", erklärte der Top-Manager jetzt, der abermals betonte, sich "mit allen Mitteln in diesem Rechtsprozess" verteidigen zu wollen.

"Arroganter Bau eines Imperiums"

Die langwierige und umstrittene Übernahme von Monsanto durch Bayer wurde erst Mitte August 2018 offiziell abgeschlossen - wenige Tage nach dem spektakulären Gerichtsurteil gegen den Chemiekonzern.[4] Bei der größten Auslandsübernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte musste Bayer 63 Milliarden US-Dollar aufbringen. Monsanto soll als weltgrößter Saatguthersteller dazu beitragen, die Führungsstellung von Bayer auf dem Agrarchemiemarkt zu zementieren.[5] 2017 konnte Monsanto, das auch wegen seiner genetisch manipulierten Nutzpflanzen immer wieder in die Kritik gerät, bei einem Umsatz von 13 Milliarden Euro einen Gewinn von rund zwei Milliarden Euro erzielen. Bayer wiederum hat im selben Jahr einen Umsatz von 35 Milliarden Euro verzeichnet und dabei einen Gewinn von 7,3 Milliarden Euro erwirtschaftet. Vor der Übernahme waren in dem deutschen Chemiekonzern knapp 100.000 Lohnabhängige angestellt, bei Monsanto waren es etwas mehr als 20.000. Die üblichen Massenentlassungen kurz nach der Übernahme - in diesem Fall waren es rund 12.000 Lohnabhängige [6] - sollten dazu beitragen, die hohen finanziellen Belastungen abzubauen und die Profitabilität des Großkonzerns weiter zu steigern. Doch scheint die Unsicherheit bei der Rechtslage in den Vereinigten Staaten den Konzern nun stark zu belasten. Das Urteil gegen Bayer hat den Börsenwert um elf Milliarden Euro schrumpfen lassen. Die Aktie habe zudem, heißt es, auch deshalb ein Drittel ihres Wertes eingebüßt, da für manche Marktbeobachter die Übernahme lediglich ein "arrogantes" Manöver zum "Bau eines Imperiums" gewesen sei.[7] Schon kurz vor dem Abschluss der Übernahme warnten Beobachter, der Deal könne eine "Gefahr" für Bayer darstellen. Neben Glyphosat drohten dem Konzern auch Klagen wegen des Herbizids Dicamba, das Unkraut wie auch Nutzpflanzen vernichte - solange sie nicht "aus genetisch modifiziertem Saatgut von Monsanto stammen".[8] Überdies sei Glyphosat inzwischen in Frühstücksflocken und Müsliriegeln nachgewiesen worden.

Genmanipuliertes Saatgut

Der "Traditionskonzern" Bayer habe mit dem Kauf von Monsanto "ungeahnte Imageschäden" übernommen, hieß es weiter.[9] Dies gilt vor allem für die berüchtigten Praktiken von Monsanto bei der Durchsetzung seiner genetisch manipulierten Saatgutsorten: Bauern, deren Felder mit Monsanto-Saatgut kontaminiert wurden, wurden vom Konzern verklagt, um sie zur Nutzung seiner Produkte zu zwingen. Anfang Februar wurde nun publik, dass Bauern in Deutschland und Frankreich Rapsfelder unterpflügen müssen, weil auf Tausenden Hektar genetisch manipuliertes Bayer-Saatgut verwendet wurde, das in der EU - im Gegensatz zu den USA - nicht zugelassen ist.[10] Das betroffene Saatgut wurde unter der zu Monsanto gehörenden Marke Dekalb in Europa vertrieben. 8.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in Frankreich und bis zu 3.000 Hektar in Deutschland sind von diesem Skandal betroffen.

"Schlecht für alle"

Indes könnte sich der Bayer-Konzern in den Vereinigten Staaten mittelfristig nicht nur mit rechtlichen, sondern auch mit politischen Hürden konfrontiert sehen.[11] Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren übte jüngst schwere Kritik an der Fusion zwischen Bayer und Monsanto. Duch die Zustimmung der US-Regierung zu der Elefantenhochzeit sei "ein Viertel der Weltmärkte für Pestizide und Saatgut an einen einzigen gigantischen Agrarkonzern" vergeben worden, protestierte Warren: Dies sei "schlecht für Farmer, schlecht für die Nahrungsmittelsicherheit, schlecht für Konsumenten überall". Die US-Senatorin gilt neben Bernie Sanders als aussichtsreiche Kandidatin für die Nominierung zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten im kommenden Jahr.

 

[1] Prozesswelle gegen Bayer-Tochter Monsanto in den USA beginnt. spiegel.de 25.02.2019.

[2] Katharina Kort, Bert Fröndhoff: Wie Bayer die Monsanto-Übernahme doch noch zum Erfolg machen will. handelsblatt.com 02.11.2018.

[3] Sam Levin, Patrick Greenfield: Monsanto ordered to pay $289m as jury rules weedkiller caused man's cancer. theguardian.com 11.08.2018.

[4] Bayer schließt Monsanto-Übernahme offiziell ab. handelsblatt.com 16.08.2018.

[5] S. dazu Geballte Marktmacht.

[6] Charles Riley: Bayer is cutting 12,000 jobs in the wake of its Monsanto deal. edition.cnn.com 29.11.2018.

[7] John Lynch: Share Watch: Bayer might need an aspirin for its Monsanto headaches. independent.ie 25.02.2019.

[8], [9] Ist der Monsanto-Deal für Bayer eine Gefahr? n-tv.de 17.08.2018.

[10] Sybille de La Hamaide: French, German farmers destroy crops after GMOs found in Bayer seeds. reuters.com 06.02.2019.

[11] Jon Greenberg: Warren: U.S. rubber-stamped deal; Bayer-Monsanto now controls 25% market share. politifact.com 14.02.2019.