Die Macht der Röhren

Privilegierter Zugriff

Ihren bislang privilegierten Zugriff auf das russische Erdgas verdanken Deutschland und die EU zentralen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen Moskaus in den 1990er und den 2000er Jahren. Damals lag es für Russland zum einen ökonomisch nahe, den Erdgasexport gerade in die EU auszuweiten - weil man auf schon vorhandene Infrastruktur aufbauen konnte, weil Europa in relativer geografischer Nähe lag und weil der Konsum in der EU stetig stieg. Der im Jahr 2004 gestartete Versuch, Erdgaslieferungen nach China in die Wege zu leiten, scheiterte zunächst: Die Volksrepublik deckte ihren Verbrauch damals noch vor allem durch Eigenproduktion und hatte mit Blick auf ihren wachsenden Bedarf bereits Gasimporte aus Turkmenistan ins Auge gefasst. Die Erdgasbeziehungen zur EU federten zum zweiten die Bemühungen Moskaus ab, so eng wie möglich mit dem Westen zu kooperieren. Als sich diese Bemühungen mit dem Amtsantritt von Präsident Putin auf Bündnisangebote an die EU und deren deutsche Zentralmacht konzentrierten, gelang es deutschen Energiekonzernen wie Wintershall, direkten Zugriff auf russische Gasquellen zu erhalten.[1] Ein Ergebnis des Moskauer Strebens nach engerer deutsch-russischer Kooperation sind nicht zuletzt auch die Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2.[2]

Russland in Abhängigkeit

Allerdings ist Russland dadurch in eine nicht ungefährliche Abhängigkeit von seinem europäischen Absatzmarkt geraten. Wie es in einer Analyse heißt, die im November 2018 vom an der University of Oxford angesiedelten Oxford Institute for Energy Studies publiziert wurde, hat Gazprom im Jahr 2017 rund 34 Prozent seiner gesamten Einkünfte allein mit der Ausfuhr von Erdgas auf den europäischen Markt erzielt. Immerhin rund 4,2 Prozent der Staatseinnahmen wurden durch Steuern auf Gaslieferungen ins Ausland generiert, von denen die überwiegende Mehrheit nach Europa ging.[3] Entsprechend schwer wögen die Verluste für Russland, sollten die Ausfuhren nach Europa ernsthaft Schaden nehmen. Insofern haben die westlichen Aggressionen im Ukraine-Konflikt, insbesondere die Russland-Sanktionen von USA und EU, Moskau dazu getrieben, sich im Hinblick auf die Bedeutung seiner Erdgasexporte für sein ökonomisches Überleben nach neuen Abnehmern umzusehen - mit dem Ziel, wie der Autor der Analyse aus Oxford feststellt, "die angespannteren Beziehungen mit dem Westen" auszubalancieren.

Power of Siberia

Moskaus erste Wahl ist Beijing gewesen - trotz der nicht einfachen und auch historisch keineswegs von Belastungen freien Beziehungen zwischen Russland und China. Erneut sind ökonomische und politische Gründe gleichermaßen ausschlaggebend gewesen. Der Erdgasbedarf der Volksrepublik hatte rasant zu steigen begonnen, konnte längst nicht mehr durch Eigenproduktion gedeckt werden und wuchs absehbar weiter; China wurde damit zu einem der lukrativsten Erdgas-Absatzmärkte überhaupt.[4] Auch schienen Gaslieferungen an die Volksrepublik aus Sicht Moskaus vor etwaigen westlichen Boykotten sicher zu sein. Einen ersten Schritt unternahmen Moskau und Beijing mit der prinzipiellen Einigung auf umfassende Erdgaslieferungen im Mai 2014 und anschließend mit dem offiziellen Baustart der Pipeline Power of Siberia am 1. September 2014 in Jakutsk. Der Bau ist inzwischen beschleunigt worden, weil der chinesische Konsum schneller als erwartet wächst. Die Röhre soll noch im Dezember dieses Jahres in Betrieb genommen werden. Geplant waren zunächst Lieferungen von 38 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr; mittlerweile ist aber bereits eine Aufstockung um fünf bis zehn Milliarden Kubikmeter im Gespräch. Moskau wird damit von seinen Erdgasexporten nach Europa deutlich unabhängiger.

Die Erdgasvorräte Westsibiriens

Hinzu kommen mittlerweile weitere Projekte mit Lieferschwerpunkt in Asien. Ende 2017 hat auf der Jamal-Halbinsel im Nordwesten Sibiriens eine Flüssiggasanlage die Produktion aufgenommen, die das russische Unternehmen Nowatek gemeinsam mit Total (Frankreich) und CNPC (China) errichtet hat. Ganz in der Nähe soll eine zweite Flüssiggasanlage gebaut werden ("Arctic LNG 2"); mit den beiden Projekten und der längst bestehenden Flüssiggasanlage auf der Insel Sachalin will Russland jenseits des Pipelinegases zu einem der bedeutendsten Flüssiggaslieferanten der Welt aufsteigen. Das Flüssiggas wird weitgehend nach Asien geliefert, etwa nach Japan, aber auch nach Indien; New Delhi, das zuvor US-Flüssiggas bezogen hatte, erhält seit Mitte 2018 russisches LNG (Liquefied Natural Gas).[5] Daneben plant Moskau bereits die Pipeline Power of Siberia 2. Auch sie soll künftig China beliefern. Im Unterschied zu Power of Siberia 2 wird sie allerdings nicht die Erdgasfelder im Osten Sibiriens anzapfen, sondern - wie bereits heute die LNG-Anlage auf der Jamal-Halbinsel und künftig auch Arctic LNG 2 - die riesigen westsibirischen Vorkommen.

Kein Monopolkäufer mehr

Das ist deswegen von herausragender Bedeutung, weil aus den westsibirischen Feldern bislang die Pipelines in Richtung Europa gespeist wurden, nicht zuletzt Nord Stream. Seien "die europäischen Konsumenten und Politiker" bisher "in der relativ bequemen Position eines Monopolabnehmers russischer Erdgasexporte aus Westsibirien" gewesen, heißt es in der Analyse aus Oxford, so werde der Auftritt konkurrierender Käufer aus China "die russische Verhandlungsposition stärken" und helfen, "langfristigen Druck" auf die EU aufzubauen.[6] Beijing habe zunächst darauf bestanden, ostsibirisches Erdgas zu kaufen, um die Mächte Europas nicht zu provozieren, berichtet der Autor des Papiers. Angesichts der rapide zunehmenden US-Aggressionen sei es mittlerweile allerdings bereit, sich auf Power of Siberia 2 einzulassen, um seine Abhängigkeit von Flüssiggaseinfuhren zu verringern: Diese werden schließlich per Schiff angeliefert und können daher im Konfliktfall von der U.S. Pacific Fleet jederzeit attackiert werden - ein Szenario, das längst nicht mehr weit hergeholt zu sein scheint.

Die eigene Macht überschätzt

Für Berlin und die EU bedeutet all dies nicht nur den Verlust ihres privilegierten Zugriffs auf das westsibirische Erdgas, sondern auch, dass die deutsche Erdgasbranche ihren bisherigen Einfluss in Russland verlöre - und dass Moskau sich zudem in die Lage versetzen könnte, unter Verweis auf seinen zweiten Großkunden China spürbare Preiserhöhungen durchzusetzen.[7] Dies träfe nicht nur Privatkunden, sondern etwa auch die chemische Industrie, die zu den größten Gaskonsumenten in der Bundesrepublik gehört und die mit einem etwaigen Gaspreisanstieg einen nicht unwichtigen Wettbewerbsvorteil verlöre. Noch weiter verschlechtern würde sich die Verhandlungsposition Berlins und der EU gegenüber Moskau durch ein mögliches Scheitern der Pipeline Nord Stream 2 - denn der europäische Absatzmarkt büßte für Russland dann noch weiter an Bedeutung ein. Der mit den Russland-Sanktionen gestartete und nun mit der Kampagne gegen Nord Stream 2 [8] fortgesetzte Versuch, Moskau machtpolitisch niederzuringen, droht deshalb aus Sicht Berlins mit einem Verlust strategischer Vorteile sowie mit einer spürbaren Schwächung der eigenen Wettbewerbsposition zu enden.

 

[1] S. dazu Deutsch-russische Leuchtturmprojekte.

[2] S. dazu Erdgasgürtel und Energiewende Richtung Russland.

[3], [4] James Henderson: Russia's gas pivot to Asia: Another false dawn or ready for lift off? Oxford Energy Insight 40. November 2018.

[5] Georgi Kantchev: Russia Flexes Muscles as Natural Gas Industry Booms. wsj.com 26.11.2018.

[6], [7] James Henderson: Russia's gas pivot to Asia: Another false dawn or ready for lift off? Oxford Energy Insight 40. November 2018.

[8] S. dazu Pipelines im Visier und Die Souveränität der Macht.