Der Kronprinz und seine Macht (II)

Der profitabelste Konzern der Welt

Der Börsengang des weltgrößten Erdölkonzerns Saudi Aramco steht unmittelbar bevor. Nachdem die saudische Kapitalmarktaufsicht den Schritt am Sonntag genehmigt hat, wird der Vollzug für die erste Dezemberhälfte erwartet; saudische Medien nennen aktuell den 11. Dezember. Bis dahin läuft die Suche nach potenziellen Anlegern auf Hochtouren. Voraussichtlich wird es sich um einen der größten Börsengänge der Geschichte, womöglich sogar um den größten überhaupt handeln. Saudi Aramco verfügt nach eigenen Angaben über nachgewiesene Erdöl- und Erdgasreserven von rund 226,8 Milliarden Barrel und damit über die größten Reserven der Welt - "fünfmal mehr als die der fünf großen internationalen Ölkonzerne" (ExxonMobil, Shell, Chevron, Total und BP), heißt es bei dem Konzern. Darüber hinaus sei Saudi Aramco das profitabelste Unternehmen überhaupt; im Jahr 2018 habe man einen Nettogewinn von 111,1 Milliarden US-Dollar erzielen können. Allein in den ersten neun Monaten 2019 habe man einen Nettogewinn von 68 Milliarden US-Dollar erreicht - bei einem Umsatz von 244 Milliarden US-Dollar.[1] Laut den aktuellen Planungen sollen ein bis zwei Prozent der Anteile an Saudi Aramco verkauft und an die Börse gebracht werden. Der heutige Wert des Konzerns wird auf Beträge zwischen 1,2 und 2,3 Billionen US-Dollar geschätzt, wobei eine Mehrheit der Experten ihn auf maximal 1,5 Billionen US-Dollar taxiert. Demnach könnten zwischen 12 und 46 Milliarden US-Dollar erlöst werden.

Hilfe beim Börsengang

Zu den Finanzinstituten, die den Börsengang von Saudi Aramco unterstützen, gehört die Deutsche Bank. Zwar zählt das Frankfurter Geldhaus nicht zu den neun "global coordinators", die als erste Riege der Unterstützer gelten. Ursache dafür ist laut Einschätzung von Experten, dass an dem deutschen Kreditinstitut das Emirat Qatar beteiligt ist (mit 3,05 Prozent); Qatar wird vom saudischen Herrscherclan zur Zeit mit einer Totalblockade belegt und erbittert bekämpft. Dennoch ist die Deutsche Bank - sozusagen als "Helfer zweiten Ranges" - als "joint bookrunner" an der Organisation des Börsengangs beteiligt, unter anderem neben ihren französischen Konkurrenten Crédit Agricole und BNP Paribas, dem spanischen Banco Santander sowie der Großbank UBS aus der Schweiz.[2] Insgesamt sollen die unterstützenden Banken für ihre Aktivitäten 450 Millionen Euro erhalten. Der genaue Anteil der Deutschen Bank ist nicht bekannt.

Zentralisierung der Macht

Der Börsengang ist nicht zuletzt wegen seiner absehbaren politischen Folgen brisant. Offiziell soll er lediglich neues Geld in den saudischen Staatsfonds PIF (Public Investment Fund) spülen, der eine zentrale Rolle bei der Finanzierung milliardenschwerer Zukunftsinvestitionen spielen soll - für den Umbau der saudischen Wirtschaft von einer weitgehend ölfixierten auf eine stärker diversifizierte und auf die Zeit nach dem Ende der Erdölära zugeschnittene Ökonomie. Darüber hinaus sind auch Beteiligungen an westlichen Unternehmen vorgesehen, mit denen Riad Verbindlichkeiten schaffen will. Aktuell umfasst der PIF bereits ein Volumen von 320 Milliarden US-Dollar. Dabei nehme schon jetzt Kronprinz Muhammad bin Salman, der laut Auffassung von Experten persönlich in die Ermordung des saudischen Oppositionellen Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul involviert war, über seine zahlreichen Ämter "massiv Einfluss auf das Tagesgeschäft des PIF", urteilt ein Fachmann der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).[3] Hinzu kommt, dass der frühere Investmentbanker Yasir al Rumayyan, "einer der engsten persönlichen Vertrauten des Kronprinzen", als Managing Director des PIF arbeitet und unlängst zusätzlich zum Vorsitzenden von Saudi Aramco ernannt worden ist. Der Saudi Aramco-Börsengang bringt nun, so heißt es bei der SWP, über die Stärkung des PIF eine weitere "Machtzentralisierung zugunsten des Kronprinzen" mit sich.

Deutscher Kriegsfinanzier

Die Deutsche Bank ist dem saudischen Herrscherclan und dem Kronprinzen nicht zum ersten Mal bei der Durchsetzung ihrer Machtambitionen behilflich. Sie hat auch Rüstungskonzerne finanziert, die Saudi-Arabien belieferten, während die Streitkräfte des Landes im Jemen Krieg führten. Dabei sind die Finanzierungsverträge nach Beginn des Krieges zustande gekommen, der von Beginn an weltweit besonders scharf kritisiert wurde - wegen der zahllosen zivilen Todesopfer bei zumeist saudischen Luftangriffen und wegen der katastrophalen Hungersnot, die durch die saudische Totalblockade des Jemen gravierend verschärft wurde (german-foreign-policy.com berichtete [4]). Die Deutsche Bank hat beispielsweise laut Recherchen der NGO Facing Finance während des Jemen-Krieges die Geschäftsmodelle von Airbus, BAE Systems und Leonardo mit 730 Millionen Euro finanziert, obwohl das von ihnen gebildete Konsortium MBDA 450 Marschflugkörper, Tausende Luft-Boden-Raketen und Kampfflugzeuge nach Saudi-Arabien exportiert hatte, die auch im Jemen-Krieg zum Einsatz kamen und kommen.[5] Zudem stellte das Frankfurter Kreditinstitut dem US-Rüstungskonzern Raytheon im November 2015 einen Kredit von 57 Millionen Euro zur Verfügung und hielt im Januar 2019 Beteiligungen an der Firma im Wert von 418 Millionen Euro, obwohl diese Tausende Raketen an die von Riad geführte Kriegskoalition exportierte.[6]

Bestens vernetzt

Vertreten war die Deutsche Bank auch auf der diesjährigen Konferenz Future Investment Initiative (FII) in Riad, mit der Saudi-Arabien vergangene Woche um ausländische Investoren geworben hat. Im vergangenen Jahr hatten zahlreich Unternehmen die FII boykottiert, nachdem kurz zuvor der Mord an Jamal Khashoggi sowie die mutmaßliche Involvierung von Kronprinz Muhammad bin Salman bekannt geworden waren. Dieses Jahr nahm die Zahl prominenter Teilnehmer wieder deutlich zu, darunter Jared Kushner, Schwiegersohn und persönlicher Gesandter von US-Präsident Donald Trump, der indische Premierminister Narendra Modi und der brasilianische Präsident Jair Messias Bolsonaro. Auch deutsche Unternehmen waren präsent - darunter neben der Deutschen Bank, die den Leiter ihres Mittelostgeschäfts entsandt hatte, etwa Siemens und Bosch, aber auch weitere Firmen.[7] Angekündigt war nicht zuletzt Klaus Kleinfeld: Der ehemalige Siemens-Manager arbeitet mittlerweile als persönlicher Wirtschaftsberater von Kronprinz Muhammad bin Salman. Er gilt als nach wie vor auch in Deutschland bestens vernetzt.

 

[1] Mathias Brüggmann, Robert Landgraf: Saudi-Arabien gibt grünes Licht für Börsengang von Saudi Aramco. handelsblatt.com 03.11.2019.

[2] Saudi Aramco in den Startlöchern. Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.10.2019.

[3] Stephan Roll: Ein Staatsfonds für den Prinzen. Wirtschaftsreformen und Herrschaftssicherung in Saudi-Arabien. SWP-Studie 13. Berlin, Juni 2019. S. dazu Der Kronprinz und seine Macht.

[4] S. dazu In Flammen (II) und Beihilfe zur Hungersnot (III).

[5], [6] Antje Mathez: Wie die Deutsche Bank Geld mit Krieg verdient. fr.de 24.05.2019.

[7] Mathias Brüggmann: Flaute im Ölreich: Saudi-Arabiens Vision 2030 steht an einem Wendepunkt. handelsblatt.com 31.10.2019.