Digitales Schlachtfeld (I)

Groupware Bw

Wie das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) mitteilt, wird die deutsche Regierung in den kommenden Jahren mehr als eine Milliarde Euro in die "Digitalisierung" der Streitkräfte investieren. 350 Millionen Euro fließen dabei an die von BMVg und Bundesinnenministerium gegründete "Agentur für Innovation in der Cybersicherheit" ("Cyberagentur"), die ihrer Leitung zufolge neue "Schlüsseltechnologien" entwickeln soll, um daraus "strategische Vorteile für die innere und äußere Sicherheit" zu ziehen.[1] Der Löwenanteil von rund 700 Millionen Euro geht indes an die im nordrhein-westfälischen Meckenheim ansässige Bundeswehr-Informationstechnikgesellschaft BWI. Allein für 522 Millionen Euro wird das Staatsunternehmen unter der Bezeichnung "Groupware Bw" eine computerbasierte "Plattform" implementieren, die "alle Bereiche der Kommunikation und Zusammenarbeit in den digitalen Systemen" der Truppe miteinander vernetzt.[2] Der Großauftrag ist offenbar Ergebnis eines grundsätzlichen Richtungswechsels: Seit Ende 2016 befindet sich BWI im alleinigen Besitz des Bundes; die IT-Konzerne IBM und Siemens, die zuvor die Hälfte der Anteile an BWI hielten, schieden aus der Gesellschaft aus. Die neue digitale "Plattform" basiert denn auch nicht mehr wie bisher auf Technik aus dem Hause IBM, sondern nutzt die "Microsoft-Produktfamilie".[3]

Abhörsicher und verschlüsselt

Weitere 177 Millionen Euro erhält BWI für den Ausbau der "mobilen IT-Ausstattung" der Bundeswehr.[4] Bis Ende des Jahres will das Unternehmen nach eigenen Angaben 6.000 Mobilfunkgeräte an die Truppe liefern, um dieser die Kommunikation auf der Geheimhaltungsstufe "Verschlusssache - Nur für den Dienstgebrauch" (VS-NfD) zu ermöglichen. 2020 sollen dann 15.000 abhörsichere Smartphones und Tablets hinzukommen, die den "verschlüsselten Transfer" von Daten und Sprache erlauben.[5] Wie BWI weiter mitteilt, sorge man bereits seit 2007 für eine "einheitliche IT-Landschaft" bei der Bundeswehr - etwa durch den Aufbau von Rechenzentren oder die Installation von mehr als 150.000 modernen PC und ebenso vielen Voice-over-IP-Telefonen. Insgesamt betreue man rund 1.200 militärische Liegenschaften in Deutschland und habe zu diesem Zweck ein "bundesweites Servicenetz" eingerichtet, heißt es.[6] Integraler Bestandteil dieses "Servicenetzes" ist ein sogenanntes Betriebskompetenzzentrum im nordrhein-westfälischen Rheinbach - ebendort, wo die Cybereinheiten der deutschen Streitkräfte den Krieg im Internet vorbereiten.

Künstliche Intelligenz

In Rheinbach sind wesentliche Einrichtungen des Kommandos Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr (CIR) untergebracht: Das dort beheimatete "Zentrum Cyber-Operationen" verfügt nach eigenem Bekunden über die Fähigkeit, "in gegnerische Netze einzudringen" und dort zu "wirken", sprich: weitreichende Schäden anzurichten. Parallel dazu gleicht das "Lagezentrum CIR" offiziellen Angaben zufolge "Daten aus dem IT-System der Bundeswehr mit Erkenntnissen aus dem Militärischen Nachrichtenwesen sowie offen zugänglichen Informationen aus sozialen Netzwerken" ab, um auf diese Weise "Rückschlüsse auf eine zunehmende hybride Bedrohung oder einen koordinierten Cyberangriff" zu ziehen.[7] Das "Produktportfolio" der BWI entspricht diesen Aufgabenstellungen. So offeriert das Unternehmen nicht nur ein "regelmäßiges und anlassbezogenes Reporting zur aktuellen Bedrohungslage/IT-Sicherheitslage", sondern auch Softwarelösungen, mit denen Hacker entdeckt und bekämpft werden können ("Intrusion-Detection-/Intrusion-Prevention-Systeme").[8] Zudem verfügt BWI nach eigenen Angaben über das technische Know-how, große Mengen unstrukturierter Daten mit Hilfe Künstlicher Intelligenz auszuwerten und darin bestimmte "Muster" zu erkennen: "Anwender werden bei Entscheidungen und Analysen unterstützt, Handlungsoptionen vorbereitet und letztendlich umgesetzt."[9] Nach Lage der Dinge dürften damit in erster Linie kriegerische "Handlungsoptionen" gemeint sein.

Erweitertes Aufgabenspektrum

Folgerichtig strebt BWI laut einer Selbstdarstellung an, neben der administrativen und logistischen Bundeswehr-IT im Inland "mehr und mehr Anteile der militärischen Informations- und Kommunikationstechnik" zu übernehmen. So leitet BWI ab Dezember dieses Jahres exklusiv den IT-Betrieb in einer "Einsatzliegenschaft" des deutschen Kontingents der in der serbischen Provinz Kosovo stationierten Besatzungstruppe KFOR. Neun Mitarbeiter des Unternehmens seien zu diesem Zweck am Ausbildungszentrum der UN im bayerischen Hammelburg mittels "Hostile Environment Awareness Training" auf die Arbeit in einer "feindlichen Umgebung" vorbereitet worden, heißt es. Dem Management wiederum gilt das Projekt unter der Bezeichnung "Pristina 2018+" als "erster Schritt in das erweiterte Aufgabenspektrum der BWI".[10]

Kriegerische Normalität

Passend dazu findet sich in der Geschäftsleitung der BWI ein Generalleutnant der Bundeswehr, der über einschlägige "Einsatzerfahrung" verfügt: Frank Leidenberger fungierte 2010 als Regionalkommandeur Nord der NATO-Besatzungstruppe ISAF in Afghanistan und war in dieser Eigenschaft maßgeblich an der Bekämpfung von Aufständischen beteiligt (german-foreign-policy.com berichtete [11]). Seiner Auffassung nach hatten die mit einem Höchstmaß an Brutalität geführten Kriegsoperationen einen durchaus positiven Einfluss auf das Selbstverständnis der Truppe: "Ich glaube, dass die, die vor Ort im Einsatz waren, vor allem diejenigen, die vorne waren, die Infanteriekräfte, dass die zu richtigen Soldaten geworden sind. (...) Ich denke, dass uns das als Armee in die Normalität führt. Man zuckt jetzt nicht gleich, wenn irgendetwas ist."[12]

Führungs- und Wirkungsüberlegenheit

Spätestens ab 2017 machte sich Leidenberger dann intensiv Gedanken über die "Digitalisierung" der deutschen Armee - und forderte unter anderem den Einsatz von "Drohnenschwärmen" zu Angriffszwecken (german-foreign-policy.com berichtete [13]). Im Juni 2018 fand unter seiner "inhaltlichen Leitung" eine entsprechende Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) statt. Die dort versammelten Rüstungsindustriellen und Militärs diskutierten unter anderem über "Angriff(e) auf gegnerische Netzwerke im Rahmen taktischer Cyberfähigkeiten" und erörterten die Frage, wie die "Informationsüberlegenheit" auf dem Schlachtfeld ("Gläsernes Gefechtsfeld") in "Führungs- und Wirkungsüberlegenheit" umgesetzt werden kann.[14] An diese Überlegungen kann Leidenberger jetzt in seiner Eigenschaft als "Chief Strategy Officer" der BWI nahtlos anknüpfen.

 

[1] Technologiesouveränität erlangen - die neue Cyberagentur. bmvg.de 24.09.2018.

[2], [3], [4] Digitalisierung: Rund 729 Millionen Euro für die Bundeswehr. bmvg.de 15.11.2019.

[5] BWI schafft abhörsichere Mobilkommunikation für die Bundeswehr. bwi.de 10.10.2019.

[6] Wir sind die Modernisierer. bwi.de.

[7] Ministerin besucht Cyber-Truppe. bmvg.de 05.11.2019.

[8] Security Operations Center & Computer Emergency Response Team. bwi.de.

[9] Applied Artificial Intelligence. bwi.de.

[10] BWI übernimmt Vor-Ort-Service in Pristina. bwi.de 08.07.2019.

[11] Siehe hierzu Wie am Reißbrett.

[12] Zitiert nach: Michael Daxner (Hg.): Deutschland in Afghanistan. Oldenburg 2014.

[13] Siehe hierzu Drohnenschwärme im Zukunftskrieg.

[14] Wege zu digitalisierten Landstreitkräften. Konferenz mit Ausstellung. 26./27. Juni 2018, Maritim Hotel Bonn. Call for Papers und Teilnahmebedingungen 08.12.2017.