Die europäische Cloud

Auf dem Weltmarkt kaum präsent

Konzerne aus Deutschland sowie aus anderen europäischen Ländern sind auf dem Weltmarkt für Cloud-Dienste so gut wie nicht präsent. Zwar bieten deutsche Unternehmen, so etwa die Deutsche Telekom, Cloud-Speicherplatz und -Rechenleistung an. Allerdings können sie mit Konzernen aus den Vereinigten Staaten und aus China nicht mithalten, die zusätzlich Software aller Art offerieren, darunter nicht zuletzt solche, die Künstliche Intelligenz (KI) nutzt. Weltmarktführer ist zur Zeit Amazon mit einem Anteil von 45 Prozent (2019); es folgen Microsoft (17,9 Prozent), Alibaba aus China (9,1 Prozent) und Google (5,3 Prozent).[1] Deutsche Unternehmen, aber auch deutsche Behörden sind bei ihrer Cloud-Nutzung deshalb vor allem auf Dienste US-amerikanischer, eher selten auch chinesischer Firmen angewiesen. Volkswagen etwa arbeitet bei der Cloud-Vernetzung seiner weltweit 122 Fabriken mit Amazon zusammen und kooperiert bei der Cloud-Vernetzung seiner Fahrzeuge mit Microsoft. Sogar die Bundespolizei speichert ihre Bodycam-Aufnahmen in der Amazon-Cloud.[2]

Der Lockdown-Boom der Cloud

Der Lockdown während der Covid-19-Pandemie hat die Bedeutung von Cloud-Diensten rasant in die Höhe schnellen lassen. "Unternehmen auf der ganzen Welt" hätten "dringend Zugang zu flexibler Rechenkapazität" benötigt, um Onlineheimarbeit zu ermöglichen oder den Onlinehandel auszubauen, hält der Chefanalyst der US-Marktforschungsfirma Canalys, Matthew Ball, fest.[3] Größere Bekanntheit hat etwa das US-Unternehmen Zoom erreicht, das Cloud-Videokonferenzen ermöglicht. Insgesamt stieg der Umsatz der Branche allein im ersten Quartal 2020 um stolze 34 Prozent auf 31 Milliarden US-Dollar an. Zugleich gewann die Debatte über die Risiken, die mit Cloud-Diensten verbunden sind, spürbar an Schwung. Auch dies betraf unter anderem Zoom; das Unternehmen wurde wegen Sicherheitslücken und umstrittener Datenschutzpraktiken weithin kritisiert.[4]

Keine Sicherheit

In puncto Sicherheit ist dabei auch von Interesse, dass ein US-Gesetz, der im März 2018 ratifizierte "Cloud Act", es den US-Behörden unter bestimmten Umständen erlaubt, auf Daten zuzugreifen, die US-Firmen gespeichert haben - dies sogar dann, wenn sich die entsprechende Infrastruktur im Ausland befindet.[5] Zoom-Videokonferenzen werden auch in der internationalen Politik genutzt; so ist dokumentiert, dass Zoom auch bei Treffen der gewöhnlich vertraulich tagenden Eurogruppe zum Einsatz kam.[6] Das Auswärtige Amt hat die Nutzung von Zoom auf dienstlichen Geräten ausdrücklich untersagt. Allerdings räumt das Ministerium ein, "ein völliger Verzicht auf die App" sei zur Zeit kaum durchsetzbar, weil er die Kommunikation mit Kooperationspartnern im Ausland "massiv erschweren" würde.[7] Deshalb sei aktuell die Nutzung von Zoom auf privaten Computern "krisenbedingt gestattet, wo dies unumgänglich für die Aufgabenerfüllung ist". Berichten zufolge bemüht sich das Auswärtige Amt dabei bereits um eine "vertrauenswürdigere" Alternative zu den Videokonferenzangeboten des US-Unternehmens.[8]

Politisch erpressbar

Sicherheitsbedenken sind einer der Gründe, die Berlin veranlasst haben, sich um die Schaffung einer deutsch-europäischen Cloud-Struktur zu bemühen. Dabei geht es keinesfalls nur um Sorgen der Politik; die Bedenken werden nicht zuletzt von vielen mittelständischen Unternehmen geteilt, die bei einer Nutzung US-amerikanischer oder chinesischer Cloud-Produkte Industriespionage befürchten. Hinzu kommen Warnungen, Deutschland sowie die EU seien ohne eine eigene Cloud-Struktur erpressbar. Bereits im vergangenen Jahr erklärte Karl-Heinz Streibich, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech), er halte es "für zumindest denkbar", dass "unsere Abhängigkeit von wenigen Cloud-Anbietern politisch als Druckmittel ... eingesetzt werden" könnte: "Können wir ausschließen, dass eines Tages gedroht wird, die Cloud-Dienste zu kappen, wenn Deutschland nicht die Nord-Stream-2-Leitung ebenfalls kappt?"[9]

Gaia-X

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte die Gründung einer eigenen Cloud-Struktur in der EU bereits vergangenen Oktober angekündigt: "Die europäische Wirtschaft benötigt dringend eine Infrastruktur, die Datensouveränität und breite Datenverfügbarkeit bei hohen Sicherheitsstandards gewährleistet".[10] Am gestrigen Donnerstag haben nun Altmaier und sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire gemeinsam den offiziellen Start des Projekts mit dem Namen "Gaia-X" bekanntgegeben. Demnach werden 22 Unternehmen - jeweils elf aus Deutschland und aus Frankreich - eine internationale Stiftung nach belgischem Recht gründen, die die Gaia-X-Infrastruktur tragen soll.[11] Dabei werden, wie der Beauftragte im Bundeswirtschaftsministerium für die digitale Wirtschaft, Thomas Jarzombek, erklärt, Dienste verschiedener Unternehmen zu einem "homogenen, nutzerfreundlichen System" vernetzt; Gaia-X soll vor allem die verbindenden Elemente entwickeln, darunter, wie berichtet wird, "technische Standards, Schnittstellen für den Datenaustausch, zudem ein Identitätsmanagement, ein Abrechnungssystem sowie eine Benutzeroberfläche".[12] Insgesamt sind bislang rund 300 Firmen eingebunden; zu den 22 Trägerunternehmen zählen auf deutscher Seite die Deutsche Telekom, SAP sowie Siemens, auf französischer Seite Orange Business Services sowie Atos International, der Konzern, der bis 2019 vom heutigen EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton geleitet wurde.

Die "digitale Souveränität"

Während der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Gaia-X als einen "wichtige[n] Schritt" lobt, "um der Wirtschaft in Europa einen kräftigen Digitalisierungsschub zu verleihen", nennt Wirtschaftsminister Altmaier das Projekt die "vielleicht wichtigste digitale Bestrebung Europas in dieser Generation".[13] Bereits Ende 2019 hatte es in Strategiepapieren von CDU und von SPD jeweils geheißen, es gehe um die Sicherung der "digitalen Souveränität".[14] Laut aktuellem Plan soll Gaia-X bereits Anfang 2021 zumindest teilweise nutzbar sein.

 

[1] Kai Schmerer: Alibaba festigt Stellung als drittgrößter Cloud-Anbieter. zdnet.de 28.04.2020.

[2] S. dazu Deutschland auf Aufholjagd (I).

[3] Dietmar Müller, Elke Witmer-Goßner: Dank Corona: Cloud-Ausgaben erreichen neues Rekordhoch. cloudcomputing-insider.de 11.05.2020.

[4] Bundesdatenschutzbeauftragter rät von Videochat-Dienst Zoom ab. br.de 24.05.2020.

[5] S. dazu Deutschland auf Aufholjagd (I).

[6] Alexander Fanta: Eurogruppe tagte mit umstrittener App Zoom. netzpolitik.org 09.04.2020.

[7], [8] Dietmar Neuerer, Moritz Koch: Auswärtiges Amt untersagt Nutzung von Zoom auf dienstlichen Geräten. handelsblatt.com 08.04.2020.

[9] "Europa braucht einen eigenen Cloud-Anbieter". Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.07.2019.

[10] Altmaier: "Wir brauchen eine eigene europäische Dateninfrastruktur!" bmwi.de 28.10.2019.

[11] Bastian Benrath, Christian Schubert: "Die wichtigste digitale Bestrebung Europas in dieser Generation". faz.net 04.06.2020.

[12] Moritz Koch, Thomas Hanke, Christof Kerkmann: "Moonshot" Gaia-X - Die wichtigsten Fragen und Antworten zur europäischen Cloud. handelsblatt.com 04.06.2020.

[13] Bastian Benrath, Christian Schubert: "Die wichtigste digitale Bestrebung Europas in dieser Generation". faz.net 04.06.2020.

[14] Carsten Knop: Warum Europa sich digitale Souveränität erkämpfen muss. faz.net 26.02.2020.

Ein Update zur Frage: Gibt es eine coronabedingte „Übersterblichkeit“ in Deutschland?

Die tatsächlichen Sterbefälle sind anders als die teilweise auf zahlreichen Annahmen und Schätzungen basierenden Kennzahlen ein „harter Indikator“ für die tödlichen Folgewirkungen einer Pandemie (aber nicht für andere mögliche Folgen, wie beispielsweise lebenslange Schäden, die auch nach einer „Genesung“ als Folgeschäden eintreten könnten). In diesem Zusammenhang wird dann immer wieder auf die sogenannte „Übersterblichkeit“ hingewiesen: »Die Übersterblichkeit (“excess mortality“) ist ein Indikator für die Schwere eines Infektionsgeschehens. Sie bezeichnet die Anzahl an Todesfällen, die über einem historischen Mittel liegen. Über mehrere vergangene Jahre hinweg werden die durchschnittlichen Todesfälle pro Tag errechnet. Sterben beispielsweise durch eine heftige Grippesaison … in diesem Zeitraum besonders viele Menschen, lässt sich das dort ablesen.« An den Sterbefallzahlen und ihrem Vergleich mit vorangegangenen Jahren kann man dann ablesen, wann eine Grippesaison besonders heftig ausfiel. Beispielsweise 2017/2018, als sie in Deutschland für bis zu 25.000 Todesfälle geführt haben soll. Die vermutete Zahl an Grippetoten überstieg damit den Wert der laborbestätigten Grippetoten – der wurde mit „nur“ 1.674 angegeben – um das 15-fache.

Betrachtet man nun die Entwicklung der Todesfallzahlen in den ersten Monaten des Jahres 2020 mit denen der Vorjahre, dann kann man erkennen, dass es tatsächlich seit Ende März mehr Sterbefälle gegeben hat als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Zu den Zahlen vgl. auch den Beitrag Gibt es eine „Übersterblichkeit“ aufgrund der Corona-Pandemie? Aktuelle Daten zur Entwicklung der Mortalität als Indikator für tödliche Folgen des Virus vom 31. Mai 2020. Das hat dann zu solchen Meldungen geführt: Statistiker sehen coronabedingte Übersterblichkeit (29. Mai 2020): »Im April sind nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) in Deutschland mindestens 82.246 Menschen gestorben – rund acht Prozent mehr als im Durchschnitt der vier Vorjahre.« Dazu auch das Statistische Bundesamt vom 29.05.2020: Sterbefallzahlen im April 2020 8 % über dem Durchschnitt der Vorjahre.

Einen Zusammenhang mit Corona konnte man der Meldung entnehmen: »Die Sterbefallzahlen lagen von der 13. bis zur 18. Kalenderwoche insgesamt 7.486 Fälle über dem Durchschnitt der vier Vorjahre. Regional ist diese Entwicklung maßgeblich von drei Bundesländern geprägt. Die Sterbefallzahlen übertrafen in Bayern um 2.719 Fälle (+18 %), in Baden-Württemberg um 1.958 Fälle (+ 16 %) und in Nordrhein-Westfalen um 1.254 Fälle (+ 5 %) den Durchschnitt der vier Vorjahre.« Bayern und Baden-Württemberg waren bzw. sind Bundesländer, in denen es viele positive Corona-Tests gibt. Hinzu kommt: »Diese Befunde zu einer sogenannten Übersterblichkeit decken sich bei Betrachtung der absoluten Zahlen mit den Daten zu bestätigten COVID-19-Todesfällen, die beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet werden. In den Kalenderwochen 13 bis 18 starben nach Angaben des RKI insgesamt 7 083 Personen, die zuvor laborbestätigt an COVID-19 erkrankt waren. Die zeitliche Entwicklung verlief ebenfalls annähernd parallel: Sowohl die Abweichung vom Durchschnitt bei den Gesamtzahlen als auch die Zahl der COVID-19-Todesfälle waren in der 15. Kalenderwoche am größten.«

Nun hat das Statistische Bundesamt neue Zahlen veröffentlicht zur Entwicklung der Sterblichkeit in Deutschland. Es ergibt sich das folgende Bild:

➔ Methodische Anmerkungen: Die Auswertungen zum Jahresverlauf der Sterbefallzahlen basieren auf der Sonderauswertung „Sterbefälle – Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen und Bundesländern für Deutschland 2016 bis 2020“. Für die Jahre 2019 und 2020 werden erste vorläufige Daten dargestellt. Ein Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 beinhaltet folglich sowohl endgültige als auch vorläufige Daten. Bei den vorläufigen Daten handelt es sich um eine reine Fallzahlauszählung der eingegangenen Sterbefallmeldungen aus den Standesämtern ohne die übliche Plausibilisierung und Vollständigkeitskontrolle der Daten. Durch gesetzliche Regelungen zur Meldung von Sterbefällen beim Standesamt und Unterschiede im Meldeverhalten der Standesämter an die amtliche Statistik sind aktuelle Aussagen zur Zahl der Sterbefälle mit einem Verzug von etwa vier Wochen möglich. Durch die verzögerten Meldungen werden sich die vorliegenden Ergebnisse für das Jahr 2020 noch leicht erhöhen. Die vorläufigen Sterbefallzahlen beziehen sich auf den Sterbetag, nicht auf das Meldedatum. Da die gemeldeten COVID-19-Todesfälle vom RKI ebenfalls nach Sterbetag veröffentlicht werden, ist ein zeitlicher Vergleich mit den vorläufigen Gesamt-Sterbefallzahlen möglich. Das RKI berücksichtigt bei dieser Zählung ausschließlich Fälle, bei denen Alter, Geschlecht und Sterbedatum bekannt sind.

Unter der Überschrift Sterbefallzahlen in der 19. Kalenderwoche nicht mehr über dem Durchschnitt der Vorjahre berichten die Statistiker: »Die Phase einer zeitweisen Übersterblichkeit scheint damit nach aktuellem Stand beendet. Insgesamt gab es in den Kalenderwochen 12 bis 19 (16. März bis 10. Mai) 7.775 COVID-19-Todesfälle, während die gesamten Sterbefallzahlen mindestens 7.755 Fälle über dem Durchschnitt lagen.«