Der Fall Wirecard

Zerplatzte Hoffnungen

Hoffnungen, den Finanzplatz Deutschland spürbar stärken zu können, hatten sich Branchenkreise bereits nach dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 gemacht. Hintergrund war die Annahme, viele in London ansässige Finanzinstitute würden, weil sie einen Sitz innerhalb der EU brauchen, nach dem britischen Austritt aus der Union auf den Kontinent umziehen müssen. Frankfurt am Main, Finanzzentrum der wirtschaftsstarken Bundesrepublik, werde dabei spezielle Attraktivität entfalten können. In einer im Sommer 2017 publizierten Studie hieß es, es würden um die 10.000 Finanzarbeitsplätze von der Themse an den Main verlagert; Frankfurt könne damit zum größten Brexit-Profiteur der Branche werden.[1] Die Hoffnung hat getrogen. Zwar sind inzwischen 31 Banken in der Tat aus London nach Frankfurt umgezogen, haben dabei aber nur wenig Personal mitgebracht: alles in allem rund 1.500 neue Arbeitsplätze, während die übergroße Mehrheit in der britischen Hauptstadt geblieben ist. Aktuell heißt es, sobald der britische EU-Austritt erfolgt sei, würden wohl noch rund 2.000 weitere Jobs in die Bundesrepublik verlegt werden. Demnach wäre mit allenfalls einem Drittel des ursprünglich erhofften Zuwachses zu rechnen.[2]

Eine doppelte Chance

Hoffnungen für den Finanzplatz Deutschland hatte in den vergangenen Jahren zudem die Wirecard AG gemacht. Für die Großbanken läuft es in der Bundesrepublik seit längerer Zeit nicht rund; zu den Top 20 der europäischen Banken zählt mit der Deutschen Bank (Platz 4) ein einziges deutsches Kreditinstitut - neben jeweils fünf britischen und französischen Banken, jeweils zwei spanischen, italienischen, niederländischen und Schweizer Geldhäusern und einem schwedischen Kreditinstitut. Aktuell planen sowohl die Deutsche Bank wie auch die Commerzbank Stellenstreichungen in mindestens vierstelliger Zahl; die Commerzbank ist darüber hinaus bereits im September 2018 aus dem Dax abgestiegen. Wirecard verfügt zwar nur über eine eher kleine Bank, schien dafür aber die Voraussetzungen zu bieten, mit der Abwicklung von Kartenzahlungen auf dem Fintech-Sektor in die Weltspitze vorzustoßen - für die Bundesrepublik, die auch in der Digitalbranche außer dem traditionelleren Softwareunternehmen SAP nicht über Weltkonzerne verfügt, eine doppelte Chance. Nach dem jüngsten Wirecard-Skandal fordert etwa CSU-Generalsekretär Markus Blume mit Blick auf die Fintech-Branche: "Wir brauchen mehr nationale Champions in diesem Bereich."[3]

Singapur: Ermittlungen gegen Wirecard

Gegen die deutsche Branchenhoffnung Wirecard ist seit mehr als zehn Jahren der Vorwurf erhoben worden, bei der Bilanz des Unternehmens gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Besonders intensiv hat dazu die Londoner Financial Times recherchiert, die Anfang 2019 mehrere kritische Berichte über die Praktiken des Unternehmens publizierte.[4] Dabei ging es unter anderem um offenbar vorgetäuschte Umsätze im Konzerngeschäft in Singapur. Der Fall schlug international Wellen. Das führte dazu, dass die Behörden des südostasiatischen Stadtstaats Wirecard aufs Korn nahmen und im Februar vergangenen Jahres eine Hausdurchsuchung in den dortigen Räumlichkeiten der Firma durchführten. Im März 2019 klagte Singapurs Staatsanwaltschaft, der deutsche Konzern behindere die Ermittlungen nach Kräften; man komme nicht im gewünschten Tempo voran.[5] Sogar eine Singapurer Kanzlei, die von Wirecard selbst mit der Recherche zu Unregelmäßigkeiten beauftragt worden war, sah sich gezwungen, Firmenmitarbeitern eine "strafrechtliche Verantwortung" zuzuschreiben.[6] Der damalige lokale Treuhänder des deutschen Fintech-Stars ist abgetaucht. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in Singapur dauern bis heute an.[7]

Deutschland: Strafanzeige gegen Journalisten

Gänzlich anders fielen die Reaktionen der deutschen Behörden auf die Vorwürfe gegen Wirecard aus. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) schaltete im Februar 2019 zunächst die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) ein und beauftragte sie mit einer umfassenden Überprüfung der Konzernbilanz. Die Überprüfung ist bis heute nicht abgeschlossen. Das war freilich absehbar: Die DPR hat dafür - wie bei ihr üblich - nur einen einzigen Mitarbeiter abgestellt, obwohl die Wirecard-Bilanz unter Experten als extrem undurchsichtig verschrieen ist. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG setzte später für eine Sonderprüfung bei Wirecard 40 Mitarbeiter ein.[8] Darüber hinaus untersagte die BaFin im Februar 2019 das sogenannte Short Selling ("Leerverkäufe") gegen Wirecard, um das Unternehmen gegen gefährliche Spekulationen abzusichern. Im April 2019 erstattete sie zudem Anzeige gegen einen Journalisten der Financial Times, der mit seinen Recherchen dazu beigetragen hatte, die Wirecard-Praktiken offenzulegen. Wirecard selbst kam in Deutschland - anders als in Singapur - ohne ernsthafte behördliche Ermittlungen davon.

Screenshots geprüft

Bemerkenswert ist auch die Rolle, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY im Zusammenhang mit dem Betrugsfall Wirecard spielt. EY hatte stets das Testat für die Konzernbilanz erteilt, obwohl ihr laut Recherchen der Financial Times zumindest für die Jahre 2016 bis 2018 lediglich Kopien und Screenshots über angebliche Guthaben der Firma in Südostasien vorlagen.[9] Für 2018 sollen das angebliche Belege für ein Guthaben von rund einer Milliarde Euro bei Singapurs zweitgrößter Bank, der OCBC Bank, gewesen sein. Die OCBC Bank gibt an, keine Geschäftsbeziehungen zu Wirecard unterhalten zu haben. Die offenkundig erfundene Milliarde Euro ist mittlerweile auf die Philippinen "überwiesen" worden, wo sie auf 1,9 Milliarden Euro aufgestockt und - aufgeteilt - bei der zweit- und der viertgrößten Bank des Landes, der Banca de Oro Unibank (BDO) und der Bank of the Philippine Islands (BPI), "deponiert" worden ist. BDO und BPI bestätigen einhellig, sie hätten keine Wirecard-Konten angelegt. Auch die Existenz dieser offenbar erfundenen Konten hat EY nie überprüft - ein eklatanter Fehler, der laut Auffassung von Experten selbst Berufsanfängern nicht passiert. Der Financial Times zufolge war von 2015 bis 2017 der damalige EY-Mitarbeiter Andreas Lötscher führend an der Überprüfung der Wirecard-Bilanzen beteiligt. Lötscher wechselte 2018 als Chefbuchhalter direkt zur Deutschen Bank.[10] EY wiederum führt mittlerweile die Bilanzprüfung auch für die Commerzbank, Munich Re und die Deutsche Bank durch.

"Finanzplatz Deutschland maximal beschädigt"

Mit Blick auf das Vorgehen insbesondere der BaFin kommentierten Beobachter schon vor Wochen, "die Aufseher in Deutschland" hätten "viel früher genauer hinschauen und nachfragen müssen"; nur so hätte der Skandal womöglich verhindert werden können. Nun aber stehe mit Blick auf die freihändige Erfindung von Wirecard-Milliardenguthaben und andere Unregelmäßigkeiten fest: "Die Turbulenzen um Wirecard haben auch den Finanzplatz Deutschland maximal beschädigt."[11] Da "die Qualität der Aufsicht ... vor allem für internationale Anleger ein wichtiges Investitionskriterium" sei, urteilte Ende vergangener Woche auch Volker Brühl, Geschäftsführer am Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, sei der Wirecard-Skandal "für den gesamten Finanzplatz ... ein hoher Reputationsschaden".[12]

 

[1] Matthias Goldschmidt: Studie prognostiziert nach Brexit starken Jobaufbau in Frankfurt. finanzen.ch 25.08.2017. S. auch Die Brexit-Zwischenbilanz.

[2] Finanzplatz Frankfurt sieht sich als größten Brexit-Gewinner. boerse.ard.de 22.06.2020.

[3] Daniel Delhaes, Jan Hildebrand: CSU-Generalsekretär: "Wirecard ist nicht systemrelevant". handelsblatt.com 30.06.2020.

[4] Dan McCrum, Stefania Palma: Executive at Wirecard suspected of using forged contracts. ft.com 30.01.2019. Dan McCrum, Stefania Palma: Wirecard: inside an accounting scandal. ft.com 07.02.2019.

[5] Ingo Malcher: Behindert Wirecard Ermittlungen? zeit.de 13.03.2019.

[6] Wirecard-Affäre - Finanzaufsicht Bafin zeigt FT-Journalisten an. manager-magazin.de 17.04.2020.

[7] Christoph Hein: Finanzplatz Singapur zieht Zügel gegen Wirecard an. faz.net 30.06.2020.

[8] Georg Giersberg: Die Bilanzpolizei wird entlassen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.06.2020.

[9], [10] Olaf Storbeck, Tabby Kinder, Stefania Palma: EY failed to check Wirecard bank statements for 3 years. ft.com 26.06.2020.

[11] Kathrin Jones: Die Wirecard-Krise ist auch ein Totalschaden für den Finanzplatz Deutschland. handelsblatt.com 18.06.2020.

[12] Daniel Schleidt: Welche Folgen das Wirecard-Debakel für Frankfurt hat. faz.net 26.06.2020.